kritik am aktuellen architekturgeschehen

Norbert Beier-Xanke Meinung, VfA BW kommentieren

Norbert Beier-Xankewarum kritik? was ist zu kritisieren? wer ist zu kritisieren? wer bin ich, der zu kritisieren wagt? vorab noch folgende weisheit von augustinus: nicht jeder, der uns schont, ist ein freund, nicht jeder, der uns tadelt, ist ein feind.

wenn kritik, wozu? natürlich, um etwas zu verändern. eine veränderung kann nur mit einer selbstkritik beginnen. insofern will ich mich auch nicht aus der kritik ausnehmen.

was ist zu kritisieren? da tut sich eine ganze bandbreite von beispielen und fakten auf. dinge lassen sich leicht kritisieren. sie sind nur ausdruck und folge von handlungen, und hinter diesen handlungen stehen menschen. hinter diesen menschen stehen gesellschaften und systeme, believes und weltanschauungen. es heisst: architektur sei ein spiegel der gesellschaft, ein spiegel der jeweiligen gesellschaftsform, in der eben diese und keine andere architektur betrieben wird. wenn also architekturkritik, dann geht es nicht anders, als auch gesellschaftskritik zu äussern.

mit welchem persönlichen anspruch verbinde ich kritik, wenn ich kritik anwende? was ist eine kritik, wodurch unterscheidet sie sich vom sogenannten geschmacksurteil und inwiefern kann sie verbindlichkeit beanspruchen?

es gibt letztlich keine objektive kritik. auch die kritik unterliegt der gesinnungsfrage: letztlich für oder gegen den menschen? ich muss alle dinge einfliessen lassen, die ich gelernt habe, um weiter-zu-kommen, um mich weiter-zu-entwickeln, um mich nicht aus-zu-grenzen. kritik muss sein: integrierbar, angstfrei, verständlich, gefühlsmässig gut. sie darf nicht sein: ein believe

sie sollte mit den jüngsten ergebnissen der forschung vereinbar sein, sie sollte sich mit den grenzwissenschaftlichen erkenntnissen auseinandersetzen, sie sollte einem ganzheitlichen gedankengut offen gegenüberstehen. sie muss nicht mit tradierten wissenschaftlichen erkenntnissen harmonieren.

etwas allgemeiner: kritik muss eine integrative, multidimensionale betrachtungsweise sein, die literarische, historische und soziologische methoden u. a. miteinander verbindet. sie muss text-, literatur-, form- und gestaltungskritik sein und auch traditions- und wirkungsgeschichte berücksichtigen und alles, was von forschungen an den tag gebracht wurde, einschliesslich der sozialwissenschaftlichen und strukturalistischen untersuchungen. jedem methodenmonismus ist zu widerstehen.

deshalb ist kritik nicht nur auf das handwerkliche und methodische der architektur bezogen, und bleibt auch nicht bei den allgemeinen gesellschaftsthemen stehen, nein sie muss auch in die bereiche hineingreifen, an die wir in unserem alltag nicht denken. ich meine jene fakten, mit denen wir uns täglich auseinanderzusetzen haben, ohne es zu bedenken: unser bewusstsein. wir sind so viel, wie wir bedenken, dass wir es sind, nicht mehr und nicht weniger. wenn wir die fragen, die an unser bewusstsein gekoppelt sind, ausschliessen würden, dann würden wir nur halbe arbeit machen.

man tut nichts aus reiner selbstlosigkeit, immer ist man getriebener eigener bedürftigkeiten. mein beweggrund ist eine eigene unzufriedenheit und mein ziel ist es, diese zu beseitigen. nun ist es nicht nur eine rein persönliche unzufriedenheit, die aus einem eigenen unvermögen herrührt, sondern auch eine, die ich bei meinen mitmenschen feststelle und natürlich auch bei architekten.

wenn ich in der tätigkeit meines berufsmässig organisierten lebens themen oder wege vorschlage, höre ich immer wieder etwas abfällig gemeint: du willst doch bloss die welt retten! meine antworten fallen unterschiedlich aus, manchmal bleibe ich vor enttäuschung auch stumm, aber manchmal kann ich nicht umhin, es persönlich zu nehmen. vielleicht will der mensch manches einfach nur nicht wissen, in der ahnung, dass er sich selbst auch neu orientieren müsste, was den meisten menschen gemäss psychologischer erkenntnis offenbar schwerfallen würde.

aber selbst, wenn ich unterstellen würde, meine unzufriedenheit basiere auf meinem eigenen unvermögen, dann nur deshalb, weil ich noch keinen weg gefunden habe, sie aufzulösen, indem ich z.b. ein ziel erreicht haben würde. erst mit einer für mich erkennbaren absicht, dass sich als erstes in der gedankenwelt der architektenwelt entscheidendes auftut, könnte ich von einer gewissen zufriedenheit sprechen, aber auch da tut sich nichts entscheidendes. es scheint mir, ein jeder verfolgt seine eigenen neurosen.

es gibt genügend einzelne themen, die kritisiert werden können, z.b. die bauverordnungen, die architektenwettbewerbe und anderes mehr. aber damit würden wir uns schon zu sehr im detail und vor allem in den sachzwängen verlieren können. es bedarf übergeordneter kritikpunkte, damit wir den sachzwängen entkommen können. was ich damit im einzelnen meine, möchte ich konkreter formulieren.

1. das aktuelle baugeschehen ist eine ausgeburt patriarchalischen verhaltens. dabei geht es nicht darum, die frauenquote bei den architekten zu erhöhen, sondern es sollte gezeigt werden, was sogenannte weibliche energien sind und welche positiven auswirkungen sie auf die architektur hätten.

2. das aktuelle baugeschehen ist darüber hinaus ein sammelsurium an profanität einerseits und an spektakulärem andererseits. positiv ausgedrückt ist es eine vielfalt, negativ ausgedrückt ist es eine orientierungslosigkeit. es sollte gezeigt werden, das wir unbedingt diese situation ändern müssen und wie wir aus dieser falle herauskommen.

3. die vertreter der ökonomisch-technischen entwicklungsvariante in der architektur und der organisch-ökologischen stehen sich relativ unversöhnlich gegenüber. es sollte gezeigt werden, dass es nur die polaren sichtweisen der gleichen sachen sind, dabei ist sowohl der technische als auch der organische weg gleichermaßen von bedeutung.

4. die architektur hat zweifelsohne eine wirkung auf die psyche des menschen. es sollte veranschaulicht werden, wie und warum diese wirkungen mit einer unausweichlichkeit gegeben sind. und es sollte gezeigt werden, warum dies zukünftig von noch grösserer bedeutung sein wird, als es heute bereits ist.

5. die erkenntnisse der quantenmechanik haben unser weltbild verändert. sie sind noch nicht bis in das architekturgeschehen vorgedrungen. Es sollte dargelegt werden, welche auswirkungen diese auf die architektur haben.

6. bauen bedeutete schon immer einen eingriff in die natur. was ist von bedeutung für eine architektur, die diesen eingriff nicht noch verschlimmert, sondern gar zurücknimmt und zukünftig nicht nur eine sogenannte nachhaltige lösung bietet, sondern eine heilende.

7. das leben in unseren gebäuden führt auf die dauer zu schleichend einsetzenden krankheiten. diese krankheiten zeigen körperliche und psychische symptome. es sollten die zusammenhänge darlegt werden, und was dies für die zukunft des menschen bedeuten könnte.

diese punkte, um die wichtigsten genannt zu haben, im einzelnen plausiblel darzulegen, bedarf es natürlich weiterer informationen, die ich gerne anhand von kleinen essays in den folgenden newslettern mitteilen möchte.

© by norbert beier-xanke

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