Kritikpunkt 1 – Patriarch

Norbert Beier-Xanke Meinung, VfA BW kommentieren

Norbert Beier-Xankein meinem letzten newsletterartikel habe ich einen kritischen ansatz zum aktuellen architekturgeschehen gewagt. der erste übergeordnete kritikpunkt war:

“1. das aktuelle baugeschehen ist eine ausgeburt patriarchalischen verhaltens. dabei geht es nicht darum, die frauenquote bei den architekten zu erhöhen, sondern es sollte gezeigt werden, was sogenannte weibliche energien sind und welche positiven auswirkungen sie auf die architektur hätten.”

hierauf möchte ich näher eingehen.

architektinnen in der architektur

an den architekturfakultäten absolvieren inzwischen mehr frauen als männer erfolgreich ein studium. in der berufswelt tritt dieses verhältnis nicht in erscheinung. die frauenquote bei den architekten liegt bei etwa 27%. in den führungspositionen – so auch bei den architektenkammern und -verbänden – sieht sie nach weit weniger aus.

dies ist weniger aus paritätischen gründen bedauerlich, sondern eher aus gründen, die meiner meinung nach mit architekturqualität zu tun hat. und es geht mir auch nicht darum, ob evtl. mehr frauenspezifische und soziale themen diskutiert werden sollten,

sondern um die planungsstrategien der frauen und ihre schwerpunktsetzung, die sich von der männlichen unterscheidet (zumindest mehrheitlich aufgrund statisch-psychologischer auswertungen).

zb. ist das sogenannte analoge denken dem prinzip nach eine typisch weibliche eigenschaft, sofern sich frauen im wettbewerbskampf mit den männern, die diese im geschäftlichen bereich haben, bewahren können. analoges denken setzt eigenes vertrauen in die intuition voraus, und man nenne mir einen mann, der nicht behaupten würde, frauen seien intuitiv handelnde. gerade heute ist intuition mehr denn je gefragt, denn unsere wissenswelt wird derart mit informationen überflutet, dass wir das rational nicht mehr verarbeiten können. wir müssen uns zunehmend mehr auf, sagen wir einmal, ein inneres wissen verlassen können.

erst in den letzten 10 oder 20 jahren geht man dem phänomen frau/mann und was sie eigentlich unterscheidet erst wirklich nach. ich las von einem experiment mit etwa 4-jährigen jungen und mädchen, die einem ballspiel zuschauen sollten. die blicke der jungs blieben quasi am ball haften, jene der mädchen erst, nach dem man den bällen zwei augen, eine nase und einen mund aufgemalt hatte. das beispiel mag kindisch erscheinen, aber die psychologen schlossen daraus oder fanden ihre meinung bestätigt, dass eine soziale orientierung des weiblichen geschlechts recht früh gegeben ist. ich würde deshalb behaupten, dass mehr architektinnen auf dem spielfeld des bauens eine durchaus stärkere soziale orientierung bei allen einzelentscheidungen vorzuweisen hätten und ich glaube, dass wir dann fast automatisch zu mehr urbanität in den städten finden würden.

die rationalen, linearen, typisch männlichen arbeitsweisen beruhen auf kausalität und analyse, klassifizierung und systematik sowie quantität und statik. die analogen, akausalen, typisch weiblichen arbeitsweisen dagegen beruhen auf intuition und synthese, erfahren und wandeln sowie qualität und dynamik. diese eigenschaften müssen sich eines tages gegenseitig durchdringen und akzeptieren können, nur so ist eine architektur der gemeinschaft zwischen mensch, tier, pflanze und umwelt zukünftig erfolgreich nachhaltig hier auf der erde zu bewerkstelligen.

die weiblichen energien in der architektur

nach einem umfrageergebnis im architektenblatt 11/2012 wird festgehalten, dass von frauen geführte büros vor allem in den weniger gewinnträchtigen gebieten arbeiten, z.b. sanierung anstatt neubau oder privathäuser statt gewerbebauten. an den ursachen rätselte man, es dürften die geringere bürogrösse und das kleinere projektvolumen sein.

man versucht immer wieder sachbezogene argumente zu finden und kommt nicht auf die idee, dass frauen andere ansprüche in ihrer arbeit zu verwirklichen versuchen und deshalb auch eine andere zielrichtung haben. zumindest ein aspekt fiel ihnen noch ein: das wohl vor allem die mütter den schnitt bezüglich der grösse und des volumens senken würden. ich glaube, das wäre für frauen eher ein grund noch effizienter arbeiten zu müssen als umgekehrt, zumindest aus typisch männlicher sicht.

im folgenden sind die entwurfsprozesse in der architektur dargelegt, wie sie auf der einen seite nach männlichen kraftprinzipien ablaufen, was in der modernen welt der regelfall ist, und andererseits nach weiblichen kraftprinzipien ablaufen könnten, was eher einen ausnahmefall darstellt.

das männliche prinzip: das weibliche prinzip:
als entwerfer dominant als nutzer dominant
eher monumental eher ergonomisch
formal ausgerichtet eher funktional
als festgeschieben als veränderbar
als abstrakt eher organisch
systematisiert geordnet
spezialisiert komplex
eher eindimensional eher holistisch
als profitorientiert eher sozial
als schnell konstruiert eher langsam wachsend

weibliche energien in der architekturgeschichte

architektur spiegelt nicht nur ökonomische, soziale und kulturelle, sondern auch geschlechterpolitische spezifika einer jeweiligen gesellschaftlichen epoche wider.

die bekanntesten matriarchate der erdgeschichte sind die minoische kultur auf kreta und die prähellenische griechenlands. der englische altertumsforscher sir arthur evens war bei ausgrabungen von knossos auf das minoische kreta gestossen. auch heute noch sind die ursprünge schwer zurückzuverfolgen. das badische museum in karlsruhe zog im jahr 2000 erste bilanz und beauftragte die modellbauer uta und peter gautel (karlsruhe) mit einem ersten modell des palastbezirks.  in ihrem atelier bauten die beiden das erste realitätsnahe modell des palastes von knossos, wobei minoische fresken und siegelbilder herangezogen wurden. in der ausstellung, im labyrinth des minos – die erste europäische hochkultur, wurde das modell im massstab 1:100 gezeigt und darüber hinaus kretische landschaften, innenräume von palästen, eine thronsaal und magazinräumen mit tonfässern.

signifikant ist das fehlen von sogenannten männlichen symbolen wie türmen und säulen als solitärexmenplare oder säulen in überhöhung und dergleichen. dagegen ist eine weitläufige erdhaft stabile und wässrig unregelmässige struktur offensichtlich, was sogenannten weiblichen formprinzipien entspricht. die grundrissdisposition und gebäudeform basieren zwar vorrangig auf dem rechten winkel, verzichten aber auf eine geschlossenheit der räume und eine klare begrenzung der baukörper. bei den raumfolgen findet man gleitende übergänge. sie ergeben sich aus der typischen erschliessung durchlaufender hauptwände, wobei die türöffnungen die raumecken aufbrechen. ausserdem werden die wände durch stützenstellungen oder türöffnungen an mehreren stellen durchbrochen und somit aufgelockert. dekorative und illusionäre wandmalereien nehmen den verbleibenden wandflächen den statischen und trennenden charakter. eine besonderheit sind die ohne zäsur um die ecken geführten motive. die vermeidung klar durchlaufender achsen betont die gleichwertigkeit der richtungen, auch ein labyrintherzeugender effekt. insgesamt ist das raumerlebnis nicht statisch sondern fliessend, nicht eindeutig sondern mehrdeutig, nicht planmässig sondern spontan.

eine ähnliche verschmelzung von räumen ist erst wieder im barock des 20. jhd. tendenziell erkennbar. ein gegensatz zur minoischen baukultur stellt die mykenische dar. sie beruht gänzlich auf einer klaren durchformung und gliederung von raum und baukörper.

auch von der keltischen kultur sagt man, dass sie matriarchaische eigenschaften besessen hätten. allein, es gibt kaum oder wenige zeugnisse. es ist eine eigenschaft der matriarchaisch orientierten zivilgesellschaft, dass sie einen lebensinhalt nicht in der fixierung auf das materielle, sondern eher in der entstofflichung des irdischen sahen. das bedeutet am ende: wenig schrift, wenig skulptur und wenig architektur, mehr weg, mehr zeit, mehr ritual. unser problem ist, dass wir nur sehen, was sich in der vergangenheit materiell manifestierte. jede hochentwickelte zivilisation, die sich auf ein inneres wissen beschränkte, wie es die kelten erlernt hatten, kann zwangsläufig nicht mehr gefunden, ausgegraben oder gesehen werden. deshalb sagt man auch, unser wissen sei auf knochenfunden beschränkt. nur langsam lösen wir uns von davon und trauen uns zwischen den zeilen zu lesen und daraus schlüsse zu ziehen.

ergebnis kritikpunkt 1

dies ist in unserer heutigen situation durchaus verständlich und nachvollziehbar. matriarchale kulturen waren in der vergangenheit vorwiegend nomadenkulturen. mit dem sesshaftwerden, dem bestellen von ackerland, der lagerungerg von vorräten und der einrichtung von besitztümern waren typisch männliche eigenschaften gefordert und patriarchische strukturen entwickelten sich. nun erkennen wir, dass wir an die grenzen des matriarchalen mit all seinen negativen auswüchsen stossen, wie wir auch im rationalen verständnis von welt mit hilfe der quantenmechanik an die grenzen gestossen sind, nämlich dass es der analogen kriterien bedarf, um sie besser verstehen zu können – eigentlich nunmehr überhaupt annähernd verstehen zu können, denn das vorherige weltbid war definitiv unvollständig, um nicht zu sagen falsch. patriarchat und rationalität bedingen nämlich einander.

wenn also die hochburg der rationalität gefallen ist, dann wird zwangsläufig auch die hochburg des patriarchats fallen müssen. die spiegel der hochburg des patriarchats in der architektur sind: wolkenkratzer, monumentalbauten, massengeschosswohnungsbau, schnellstrassen, flughäfen usw.

wir erkennen zur zeit einen überhang des logos etc., welcher nun zur ego-förderung seiner selbst und ausbeutung der anderen führte. nachdem die menschenrechtsbewegung eine ausbeutung des menschen an den pranger stellte, wurde begonnen, die natur auszubeuten. jetzt steht diese am pranger. es bleiben noch die bodenschätze in der erde. aber auch hier zeigt sich widerstand z. b. beim fracking.

wenn irgendwann nichts mehr auszubeuten ist, wird das denksystem des menschens sich andere möglichkeiten verschaffen müssen. einige philiosophen sprechen von einem bewusstseinswandel vom ego- zum psychobewusstsein – oder wir werden uns selbst zerstören.

© by norbert beier-xanke

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