Kritikpunkt 2 – Zum Profanen und Spektakulärem

Norbert Beier-Xanke Meinung, VfA BW kommentieren

Norbert Beier-Xanke in der reihe der kritischen anmerkungen zum aktuellen architekturgeschehen kommen wir hier zum kritikpunkt 2. er wurde in der übersicht im newsletter februar 2016 wie folgt formuliert:

“das aktuelle baugeschehen ist darüber hinaus ein sammelsurium an profanität einerseits und an spektakulärem andererseits. positiv ausgedrückt ist es eine vielfalt, negativ ausgedrückt ist es eine orientierungslosigkeit. es sollte gezeigt werden, das wir unbedingt diese situation ändern müssen und wie wir aus dieser falle herauskommen.”

was ist profan in der architektur, was spektakulär? wo ist die vielfalt und wo die grenze zur orientierungslosigkeit? warum sollten wir etwas ändern? und warum ist das überhaupt eine falle?

profan meine ich im sinne von alltäglich, ohne herausragende bedeutung. aber ich verbinde es mit einem unterton, aus dem sich ordinär, banal oder trivial heraushören ließe.  da in der architektur auch von profanbauten im gegensatz zu sakralbauten gesprochen wird, kann ich hier zusätzlich anmerken, dass jene von mir so genannte profanität wirklich jeder anspruch abhanden gekommen zu sein scheint, ausser billig zu sein, und sich jenseits von heiligem gedankengut abspielt. letzteres möchte ich so verstanden wissen, dass oftmals jenseits aller regeln gebaut wird, welche dem menschen noch heilig sein könnten, sollten oder müssten.

das spektakuläre huldigt dem gleichen unheiligen mammon: geht es beim profanen geht es meist um einen schmalen geldsäckel so gibt es beim spektakulären pekuniär keine grenzen.

spektakulär ist etwas, wenn es staunen oder großes aufsehen erregt: möglichst gross, möglichst hoch, möglichst teuer, ungewöhnliche lage- oder ortswahl, ungewohnte form, auf den nenner gebracht, quantitative rekorde kombiniert mit ungewohntem. ich würde nicht die attribute wie außergewöhnlich, beeindruckend, imponierend verwenden wollen, denn das wäre genau jene beschreibung für qualitätsvolles bauen, das irgendwo zwischen dem profanen und dem spektakulären angesiedelt wäre.

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sowohl im sammelsurium des profanen als auch des spektakulären gibt es durchaus eine formenvielfalt, insbesondere der solitären gebäude der neueren zeit. man kann aber auch zum schluss kommen, je mehr individuelle form, um so mehr wird es in der gesamtheit wieder zum einerlei. was könnte also der sinn dieser formenvielfalt sein.

ein mensch, der sich heute extravagant, individuell, auffällig, abschreckend, schrecklich kleidet, ist im stassenbild kein aussergewöhnliches erscheinungsbild, zumindest nicht in einer stadt. individualität auf teufel komm raus. wann macht mensch so etwas? antwort: wenn er minderwertigkeitskomplexe hat. was gäbe es sonst für einen grund? corporate identity? das trifft nur noch im einzelfall zu. ansonsten gibt es in gebäudeform inzwischen alles, was wir aus anderen bereichen kennen: eier aus dem lebensmittelbereich, flundern aus dem meer, türmchen aus dem bauklötzchenkasten oder aus dem stahlbaukasten von trix und märklin. was der mensch bislang an formenvielfalt in seinem leben aus den unmöglichsten bereichen kennen gelernt hatte, er findet es inzwischen in form eines gebäudes irgendwo in der welt wieder.

verwaltungen und stadtoberhäupter in ihrer grau-und-schwarz-anzüglichen einfältigkeit suchen einen solitären aspekt in ihrer stadt, um sich darin als initiator sonnen zu können.

waren es noch im letzten jh, also von 1900 bis 2000 noch im wesentlichen einzelne gebäude, die eine herausragende position einnahmen und immer noch einnehmen, zumindest angesichts ihrer geschichtlichen bedeutung, so sind es heute im prinzip nahezu alle öffentlichen gebäude und zunehmend auch die meisten firmengebäude. nun wiederholt sich dieses spiel auf einem immer niedereren niveau einer abwärtsorientierten spirale gleich und wird am ende zur formvielfältigen einerlei.

die architektur der vielfalt wird gekrönt durch die architektur des exzentrischen. es beginnt in den grossen städten und orientiert sich an bewohnerstrukturen mit genügend kapital. eines der markantesten beispiele ist new york city: nach der wiederaufbauplanung von ground zero entwickelte sich ein rigoroser spekulationswahn begleitet von einem architektenboom. die stadt öffnete sich für europäische und japanische architekten und die internationalen stararchitekten befassten sich mit dem wohnungsbau, mehr oder weniger plötzlich. die bauvorhaben übertrumpften sich gegenseitig an ausgefallenheit. ein wettbewerb um die ungewöhnlichsten formen entbrannte. und architektur liess sich im wohnungsbau wie bereits bei den solitärgebäuden als kunst verkaufen: ein bedingungsloses mitspielen des ruhmes und des geldes wegen.

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schon vor über hundert jahren gab es klagen über die gleichmacherei. paul schmitthenner (dtsch. architekt, 1884-1972)beklagte, dass es schon um 1890 schwer fiele, einen justizpalast von einer bierbrauerei zu unterscheiden. neuerdings seien manche kirchen mit einem silo oder einer kraftzentrale zu verwechseln und bei schulen sei kaum noch ein unterschied zu schuhfabriken festzustellen.

orintierungslosigkeit scheint eine art von form geworden zu sein. es gibt wohnhäuser, dessen erdgeschoss einen pult darstellt und dessen dach einen kubus darstellt. also genau anders herum als gewohnt. was bringt es, so zu bauen, ausser dass es anders ist. ein haus als kunstobjekt. ein bisschen lachhaft ist es schon.

vielleicht ist orientierungslosigkeit auch gut! denn sie birgt die chance, sich bewusst zu werden, dass es vielleicht so nicht weiter gehen kann. und man kann sich sodann auf die suche nach neuen massstäben machen. sie birgt aber auch die gefahr, dass man sich in ihr verliert. aber was heisst hier denn schon gefahr? haben wir in diesem fall nicht einfach nur angst vor einem unbekannten effekt?

dennoch hat sich im laufe der gesellschaftlichen entwicklungen bis hin zu den bekannten  dauerhaften strukturen herausgestellt, dass der mensch orientierungen braucht, die er für sich und andere als rahmenrichtlinien einsetzt, um das gemeinsame leben vernünftig regeln zu können. bleibende orientierungslosigkeit hatte eine solche entwicklung nicht vermocht.

je orientierungsloser etwas erscheint oder gar ist, um so tiefgreifender und rückblendender ist es, nach fehlern und ursachen zu suchen, und um so nachhaltiger sind die dann entstehenden orientierungshilfen zu sehen. besondere formen aufgrund besonderer ideen treiben auch gewisse entwicklungen voran, deren sinn vorab nicht erkennbar sein mag. realisierungen um jeden preis?ob sich dieser preis immer lohnt ist eine grosse frage. wenn vielleicht bauwerke in einer anderen form auch seinen zweck erfüllt hätten, so sind diese herausforderungen oft der startschuss für neue baustoffe und neue lösungen.

es ist allerdings kennzeichen vieler grossprojekte, dass sie mit mundgerechten phrasen eingeleitet werden, zwischendurch die probleme kleingeredet werden und am ende alle beteilgten unschuldig sind. ich sehe angesichts der lügenschaften und den lippenbekenntnissen in allen bereichen des lebens eine unmöglichkeit des erkennens von wahrhaftigkeit.

andererseits muss man auch eingestehen, dass leitbilder eine gefährliche angelegenheit sein können. nicht verstandene leitbilder als gestalterische rezepte haben in der architektur und im städtebau immer schaden angerichtet. beispiel charta von athen. 1933 versammelte sich der ciam (congres internatineaux d´architecture moderne) in athen und stellte die charta auf. während „der begriff der stadt wird durch funktionen abgegrenzt: wohnen, arbeiten, erholen und verkehr” sich verselbständigte und mißbraucht wurde, wurden andere forderungen vergessen. so artikel 2, in dem von den ökonomischen, sozialen und politischen werten sowie psychologischer und physiologischer natur gesprochen wird usw.

einer der bekanntesten kritiker gebauter welt, sowohl der städtischen wie auch der dörflichen aber auch der wohnwelt ist alexander mitscherlich, 1908-1982, psychoanalytiker.

“unsere städte und unsere wohnungen sind produkte der phantasie wie der phantasielosigkeit, der grosszügigkeit wie des engen eigensinns. da sie aber aus harter materie bestehen, wirken sie auch wie prägestöcke; wir müssen uns anpassen. und das ändert zum teil unser verhalten, unser wesen. es geht um einen im wortsinn fatalen, einen schicksalhaften zirkel: menschen schaffen sich in den städten einen lebensraum, aber auch ein ausdrucksfeld mit tausenden von facetten, doch rückläufig schafft diese stadtgestalt am sozialen charakter der bewohner mit.”

insofern haben profanbauten ebenso eine wirkung wie spektakuläre gebäude. in der summe sind sie hausfassaden und somit letztlich wände eines gebauten raumes. eine psychologisch-soziologische grundproblematik ist ständig gegeben und in den letzten 50-70 jahren gab es keine wesentlichen neuen beiträge, obgleich wir es inzwischen besser wissen müssten.  angesichts des aktuellen überschusses an ungesättigter aggressivität in milieus und weltweit wäre eine zusammenarbeit von architekten und stadtplaner zb mit biotopforschern und psychoanalytikern zb hinsichtlich eines leben in der sozietät oder in der verfolgung von schicksalen seelischer spontaneität in der umwelt des einzelnen und einzelner gruppen von nöten gewesen.

zwischen den strukturellen pull-polen auf der einen seite des profanen und auf der anderen seite des spektakulären dünnt sich architekturqualität aus, da die entscheidungsstrukturen zunehmend von den finanzen bestimmt wird. und entscheidungsträger sind auf der einen seite jene, die kein oder wenig geld haben, und auf der anderen seite, die viel bzw nahezu grenzenlos geld zur verfügung haben. es ist eine frage der machtverhältnisse. auf der einen seite wird architekturqualität erdrosselt und auf der anderen seite gleitet architekturqualität ins absurde ab. die zunehmende verarmung der weltbevölkerung auf der einen seite und die zunehmende häufung des kapitals auf der anderen seite bestimmen diesen trend.

wie wir aus dieser zwickmühle oder falle herauskomen können, ist äusserst schwierig zu beantworten, weil wir es mit systemimmanenten prozessen zu tun haben. ich möchte dies in einem separaten artikel beschreiben.

© by norbert beier-xanke

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