Kritikpunkt 3 – Ökonomie und Ökologie

Norbert Beier-Xanke Meinung kommentieren

Norbert Beier-Xanke

in der reihe der kritischen anmerkungen zum aktuellen architekturgeschehen kommen wir hier zum kritikpunkt 3. er wurde in der übersicht im newsletter februar 2016 wie folgt formuliert:

“die vertreter der ökonomisch-technischen entwicklungsvariante in der architektur und der organisch-ökologischen stehen sich relativ unversöhnlich gegenüber. es soll gezeigt werden, dass es nur die polaren sichtweisen der gleichen sache sind. es ist sowohl der technische als auch der organische weg von bedeutung bzw. der ökonomische als auch der ökologische.” 

wenden wir uns zunächst den ökonomen zu. die ökonomische theorie beschäftigt sich mit den gesetzmäßigkeiten des wirtschaftshaushalts, weshalb die ökonomen von sich gerne behaupten, auch die wahren techniker zu sein.

danach zu den ökologen, denen eine organische sichtweise der welt zugeschrieben wird. auch sie beschäftigen sich mit dem haushalt, aber eher als teildisziplin der biologie und geologie, welche die beziehungen der lebewesen untereinander und mit ihrer unbelebten umwelt erforscht.

das problem ihrer scheinbaren unversöhnlichkeit liegt nicht in der ökonomie oder der ökologie, sondern dass erstere in weitem maße von neokapitalistischen strukturen durchzogen ist, die den ökologischem ansatz vernachlässigen bzw. zuwider laufen. dabei müsste eigentlich zwischenzeitlich die erkenntnis gewonnen worden sein, dass weder die ökonomie ohne die ökologie noch die ökologie ohne die ökonomie auskommen kann, bzw. deren vertreter untereinander.

ökonomie

zu kritisieren im architekturgeschehen ist die einseitige ausrichtung auf die ökonomie, und das gilt für nahezu ausschliesslich alle bauvorhaben. alle entscheidungen bei der vergabe von architektur- und bauleistungen erfolgen nach dem prinzip des billigsten unter dem anschein des preisgünstigsten, insbesondere bei den handwerksleistungen. dies wird in deutschland und den meisten anderen ländern so gehandhabt, dennoch gibt es ausnahmen wie beispielsweise die schweiz:

bei öffentlichen vergaben von bauleistungen wird dem zweitgünstigsten bieter der zuschlag erteilt. es ist zumindest eine möglichkeit, einer abwärtsspirale zu entgehen und die handwerker mit auskömmlichen preisen zu versorgen, und es wird der korruption und dem verdecktem handling hinter den kulissen weitgehend ein riegel vorgeschoben.

wenn wir heute über ökonomie reden, dann denken wir sofort auch an geld. im architektenberuf misst sich ökonomie immer in euro/kubikmeter oder euro/quadratmeter. ich erzähle meinen bauherren oft folgende geschichte:

john ruskin, 1819-1900, englischer philosoph, beschrieb es etwas genauer. “es ist unklug, zuviel zu bezahlen, aber es ist noch schlechter, zuwenig zu bezahlen. wenn sie zuviel bezahlen, verlieren sie etwas geld, das ist alles. wenn sie dagegen zuwenig bezahlen, verlieren sie manchmal alles, da der gekaufte gegenstand die ihm zugedachte aufgabe nicht erfüllen kann. das gesetz der wirtschaft verbietet es, für wenig geld viel wert zu erhalten. nehmen sie das niedrigste angebot an, müssen sie für das risiko, das sie eingehen, etwas hinzurechnen. und wenn sie das tun, dann haben sie auch genug geld, um für etwas besseres zu bezahlen.”

weiter sagte er: “es gibt kaum etwas auf der welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen und etwas billiger verkaufen könnte, und die menschen, die sich am preis orientieren, werden die beute solcher machenschaften.”

der mensch hat schon immer versucht, eine formel für gewisse dinge zu finden, was auch eine bewandnis haben mag, so lange man noch nicht weiß, dass es unmöglich ist, und so lange man dies als hilfsmittel nutzt und nicht als einen ersatz für die wirklichkeit hält. warum hat sich der ökonomische gedanke, der nahezu alles in seinen bann zieht, überhaupt durchgesetzt?

frank schirrmacher (1959-2014, journalist, autor, mitherausgeber der FAZ) beschreibt in seinem buch ego, das 2013 erschien, wie der sogenannte kalte krieg als weltkonflikt in einer denkfabrik namens rand als ein ökonomisches optimierungsproblem behandelt wurde. er schildert anschaulich den ansatz während des kalten krieges (s. 61): “wie findet man die beste strategie gegen einen mitspieler, der über das gleiche drohpotenzial verfügt wie man selbst? wann muss man bei einem duell schießen? wie findet man heraus, ob der andere nur noch eine kugel hat?” die menschen dieser denkfabrik schufen seiner ansicht nach den vorläufer des homo oeconomicus, der nach den gesetzen der ökonomen “erst strategische entscheidungen beim militär, dann ökonomische entscheidungen in märkten und schließlich häufiger soziale entscheidungen im menschlichen leben übernahm.” (s. 38). er schreibt weiter, in der nüchternen sprache der theorie hieße dies: “den jeweils besten strategischen spielzug unter berücksichtigung des besten spielzugs des anderen vollführen und damit eine art gleichgewicht herstellen” zu können. “das war das… berühmte nash-equilibrium und es ist nichts anderes als die mathematische weltformel für konsequenten und erfolgreichen egoismus” (s. 61).

sie finden sich in börsenalgorithmen von hedgefonds, in auktionsplattformen und in den mächtigsten werbealgorithmen der welt wieder. ein grund, warum die formel “umstandslos vom militär in den bereich der ökonomie wanderte, … war letztlich die unbeweisbare behauptung, die spieltheorie habe den atomkrieg verhindert, und wer dieses mörderische spiel gewonnen habe, könne jedes spiel gewinnen” (s. 67).

ferner sagt er deutlich: “das problem ist, dass diese theorie nicht nur handeln beschreibt, sondern handeln erzwingt, sie ist nicht nur descriptiv, sondern auch normativ. sie postuliert nicht nur egoisten, sondern sie produziert sie.” und weiter: “in automatisierten märkten zwingt es uns in eine logik. selbst wenn man nicht mitspielt, wird man in das spiel hineingezogen: taxiert, quantifiziert, und alles, was man sagt und tut, wird auf den universalen egotrip reduziert. längst gilt das nicht mehr nur für ökonomische transaktionen, sondern auch für soziale kommunikationen, für verhandlungen, für soziale netzwerke und für medien (s. 71).

der merkantilismus und die damit verbundene geldwirtschaft sind die begleitenden auswirkungen eines zwar wachsenden selbstbewusstseins der vergangenheit, ihre negativen auswirkungen aber eines überzogenen, überschätzten selbstbewusstseins, welches sich wegen kurzfristiger erfolge daran gewöhnte, die natur, die tiere, die menschen, letztlich alles, auch ihre kinder, im sinne eigener interessen zu nutzen und sie zu eigen zu machen anstatt partner und gefährte zu sein.

ein weiteres problem ergibt sich aus dem verhalten der politik und deren verlängerte arme in den verwaltungen, die einerseits mit der einen hand als gesetzgeber die standards laufend erhöht und andererseits gleichzeitig mit der anderen hand als auftraggeberseite, für qualität immer weniger geld bereit hält. jedem kleinstgeistigen muss auffallen, dass das eine spiralentwicklung ist, die die qualität aushöhlt und immer mehr schein als sein erzeugt.

in diesem sinne funktioniert ökonomie auf dem globalen markt und bevor es zu aushöhlungen oder einbrüchen kommt, werden durch machtverschiebungen rettungsmanöver gefahren. es gibt aber auch andere ökonomische wege.

zukunft der ökonomie

was heute ökonomisch als nachhaltig erachtet werden kann, ist das sogenannte plussummenspiel. es ist damit gemeint, dass jemand im anderen, einem mitmenschen oder der mitnatur einen mitspieler sieht und nicht einen gegenspieler. hier kommt das neue weltbild ins spiel, weil nach dessen erkenntnis alles mit allem in einem zusammenhang steht.

das nullsummenspiel, das gegenwärtig im blickwinkel der alten weltformel noch gespielt wird, ist zum scheitern verurteilt. es wird verbraucht, bis nichts mehr da ist. schlimmer dabei ist, dass im hintergrund des nullsummenspiels ein wettbewerbsorientiertes, egoistisches denken steht, das nicht auf kooperation und lösungsfindung ausgerichtet ist. es begünstigt nur wenige auf kosten von vielen. das gilt für das gesamte wettbewerbssystem und somit auch für architektenwettbewerbe.

damit unser wirtschaftssystem weiterhin funktionieren kann wie bisher, ist es wegen der systembedingten inflationierung auf wachstum angewiesen. dabei ist die eigendynamik bereits so gross, dass niemand mehr fragt, was überhaupt noch sinnvoll zu produzieren ist. deshalb werden kraft neuer technischer mittel einfach neue märkte geschaffen. diese dogmatische wachstumshysterie führt zu einer pseudowirtschaft und zu teils unsinnigen verhaltensmustern nicht nur der wirtschaft sondern auch beim menschen. es wird dabei nicht nur die umwelt zerstört, weil man zur produktion der dinge die ressourcen der erde benötigt, sondern auch ethische verhaltensweisen der menschen werden ausser kraft gesetzt.

die sogenannten win-win-lösungen stellen gewissermassen ein übergangsstadium dar, bei dem zumindest die direkt beteiligten davon profitieren, aber nicht notwendigerweise das gesamtsystem.

wobei beim plussummenspiel auch zu beachten ist, dass es nur funktioniert, wenn alle sogenannten erneuerbaren energien, die natürlicherweise gegeben sind, ins spiel eingebracht werden.

voraussetzung dafür, dass das plussummenspiel überhaupt funktionen kann, ist ein anderes bewusstsein der menschen, ein sogenanntes psychobewusstsein, das sich aus dem egobewusstsein heraus entwickelt. unabhängig davon, ob man es persönlich hat oder sich erarbeitet, gibt es meines erachtens nur eine möglichkeit, die auch ein gutes überleben innerhalb des systems ermöglicht: ein teilweises oder zunächst nur zeitweises abkoppeln aus der oben beschriebenen argumentationskette bzw. aus dem aktuellen systemkreislauf. das erfordert sicher ein bisschen mut und ist auch davon abhängig, wie selbstbestimmt man sein leben bereits führen kann.

man kann auch dem marktgeschehen einen anderen drive geben, wenn man dem nutzen eine andere dimension gibt, nämlich weniger materiell orientiert sondern mehr gesundheitlich im körperlichen wie auch geistigen und seelischen sinn orientiert.

ökonomie und ökologie

eine wirklich verantwortungsbewußte ökonomische handlung (dem streben, mit einem gegebenen aufwand den grösstmöglichen ertrag oder einen bestimmten ertrag mit kleinstem aufwand zu erzielen), also im sinn eines kategorischen imperativs von immanuel kant (handle nach solchen grundsätzen, die jederzeit zugleich für eine allgemeine gesetzgebung gelten könnten) beinhaltet immer mindestens die überlegung der selbsterhaltung und sollte in der regel die der eigenen kinder einschließen, bestenfalls die der gesamten menschheit.

eine ökonomische handlung wäre in diesem sinne im grunde genommen immer auch eine ökologische handlungsweise. die kurzfristig ausgerichtete ökonomische handlung zeugt letztlich nur von einer haltung: nach mir die sintflut. wer nicht an seine kinder denkt, handelt letzten endes nicht ökonomisch. somit wäre jede handlung, die nicht ökologisch, also nicht wirklich ökonomisch ist, als eine katastrophale einstellung zum leben und zu sich selbst anzusehen. allein unsere inneren zwänge, kurzfristig erfolg haben zu müssen, verleiten uns zu katastropheneinsätzen. und unsere kultur erlaubt es uns, diese auch noch als ökonomischen wirtschaftsakt zu verkaufen.

ergebnis der betrachtung des ökonomischen aspekts ist, dass jede wirklich nachhaltige ökonomie über die jahre hinweg betrachtet immer auch eine ökologische sein muss. jede andere sichtweise muss zwangsläufig in die selbstzerstörung führen, die mit der zerstörung der erde und der natur beginnt und mit dem menschen endet, es sei denn der mensch könne sich auf einen anderen planeten retten. gewinnt er aber keine einsicht in diese spielzwänge, spielt er dort das gleiche spiel weiter. deshalb noch ein wort zur ökologie.

ökologie

der begriff der ökologie ist ein neutraler begriff, der erst in einem verhältnis zu einem umstand eine besondere bedeutung erhält. in zusammenhang mit architektur habe ich den eindruck, dass alle ökologischen betrachtungen keine erweiterung, keine freiheit, keine öffnung des menschen in betracht ziehen, sondern eher einengung, beschränkung, bedrängnis und ab- oder ausschluss von etwas. es wird von reduzierter oberfläche, reduzierter wohn- und nutzfläche usw. gesprochen.

vielmehr brauchen wir strategien und konzepte, die nicht auf einengung und beschränkung abzielen, aber auch nicht auf das gegenteil wie wachstum, dass allerorts von allen so beschworen wird, sondern auf veränderung und harmonie und freiheit. das verdichten des wohnraums des menschen wie am beispiel japans gezeigt wird, kann und will ich nicht als einzige möglichkeit gelten lassen, schon gar nicht als ein gesamtkonzept für die menschheit. natürlich steht es zur diskussion, aber zuvor hat die menschheit die übervökerung zu diskutieren und eine lösung herbeizuführen

es gibt kollegen, die die meinung vertreten, dass zur sogenannten nachhaltigkeit im sinne von dauerhaft umweltgerecht auch verzicht gehört. ohne verzicht sei kein ökologisches gleichgewicht herstellbar, z.b. verzicht auf raum, wärme, luxus und bequemlichkeit. ganz gleich ob auf mehr oder weniger von diesen dingen zu verzichten wäre. mensch will nicht verzichten und glaubt es auch nicht zu können.

dabei ist es gar nicht schwer zu verzichten, weil es so nicht stimmt, dass wir verzichten müssen. mit einer anderen haltung und einer anderen sichtweise der dinge, wird man es nicht als ein verzicht verstehen. es ist auch kein selbstbetrug dabei, den mancher unterstellen möchte. ein erkennen, dass eine andere haltung, die bessere, die richtigere, die langfristig erfolgreichere ist, bedeutet dass ich mich erweitere, verbessere, entwickle. das ist das gegenteil von verzicht, man könnte allenfalls noch sagen, dass ich auf meine alte sichtweise verzichten muss. es ist sogar so, dass mensch das gefühl hat, sich damit freiraum zu schaffen, abhängigkeiten aufgegeben zu haben.

man könnte es auf den nenner bringen, dass nicht effizienz sondern suffizienz, also das ausreichende, maßstab sein sollte. und diesen maßstab haben wir bereits in vielen dingen ganz allgemein betrachtet verloren, nämlich in der länge, der breite, der höhe, der tiefe, der zeit, im wachstum usw.

© by norbert beier-xanke

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