Kritikpunkt 4 – Wirkung auf die Psyche

Norbert Beier-Xanke Meinung kommentieren

Norbert Beier-Xanke

in der reihe der kritischen anmerkungen zum aktuellen architekturgeschehen kommen wir hier zum kritikpunkt 4. er wurde in der übersicht im newsletter februar 2016 wie folgt formuliert:

4. die architektur hat zweifelsohne eine wirkung auf die psyche des menschen. es sollte veranschaulicht werden, wie und warum diese wirkungen mit einer unausweichlichkeit gegeben sind. und es sollte gezeigt werden, warum dies zukünftig von noch grösserer bedeutung sein wird, als es heute bereits ist.

die kritik ist, dass es offenbar kaum überlegungen dazu gibt, wie gebäude oder räume auf die psyche des menschen wirken. ich kenne in der gängigen architektur, ob einfaches wohnhaus oder luxuriöses solitärgebäude, keine überlegungen hierzu in den architekturmagazinen. es ist scheinbar ein themenbereich, von dem nicht erwartet wird, dass er auf interesse stoßen könnte.

bekannt ist, dass räume z. b. in gebäuden, speziell in bürogebäuden, krankmachen können. demnach muss es auch räume geben, die nicht krankmachen und sogar vielleicht räume, die der gesundheit förderlich sein könnten. ich möchte hier nicht auf schadstoffhaltige substanzen in baumaterialien hinaus, sondern allein auf die wirkung von raum, form, material, oberfläche, farbe und geruch in einem für die sinnliche wahrnehmung akzeptablen rahmen, ohne gleich als schädigend im medizinischen sinn zu wirken und zu gelten.

diese betrachtungsweise macht nur sinn, wenn man dazu geneigt ist, akzeptieren zu können, dass die gesamte materielle welt wie auch die lebewesen und die natur in ihrer gesamtheit letztlich schwingungsphänomene sind, die sich gegenseitig beeinflussen. streitbar kann die frage sein, wie stark ein gegenseitiger einfluss gegeben ist und ob dieser ggf. schädlich auf den menschen einwirken kann?

wenn man also verstehen würde, wie physische umgebungen beeinflussen und wie emotionale reaktionen auf architektur wiederum auf die gesundheit einwirken, dann könnte man beim planen und gestalten von gebäuden die gesundheit der menschen berücksichtigen. richard neutra schrieb in seinem 1954 erschienen buch ‚survival through design’ hoffnungsvoll: “sicherlich werden eines tages zum geistigen rüstzeug des gestaltplaners auch ein praktisch auswertbares verständnis dafür gehören, wie unser psychosomatischer organismus tickt, und ein bescheidwissen mit den sinnes-schlüsseln, die sein wunderbares uhrwerk aufziehen und so oder so umschalten.”  damals steckten die neurowissenschaft und immunologie noch in den kinderschuhen. heute sieht es bereits anders aus. die erkenntnisse sind da. nur die übersetzung in die architektur steckt noch darin.

sicherlich, es gibt erkenntnisse, die im krankenhausbau so langsam eine umsetzung finden, und bei einem neubau werden die schadstoff- und lärmemmissionen beachtet und manchmal bei der standortwahl eines gebäudes das kleinräumliche klima.

jeder architekt weiß über raum und form, dass zu weite räume das gefühl von verlorenheit bewirken, zu enge räume können hingegen bedrückend wirken. materialien und oberflächen können abstoßend oder einladend wirken. jeder kann nachempfinden, dass eine reine betonwand eine andere wirkung als eine holzwand auf den menschen hat.  farben können den puls beschleunigen oder mindern. gerüche können abscheu oder wohlbefinden erzeugen. das trifft auf jeden fall auf die extremvarianten zu.

wichtiger ist eher jener bereich, in denen die rahmenbedingungen subtil wirken. beim sogenannten evidence-based design werden die ideen und forschungsergebnisse aus verschiedensten disziplinen wie umweltpsychologie, architektur, neurowissenschaften und verhaltensökonomie zuhilfe gezogen. das ziel dabei ist noch recht profaner art, nämlich die reduktion von schmerzmitteln, infektionen und z. b. stürzen, aber auch die kosten und aufenthaltsdauer in krankenhäusern zu verringern. die ansätze und ziele beim healing environment, der trend bei neubauten im gesundheitssektor, sind deckungsgleich und auch in punkto heilung darüber hinausgehend. es geht darum, eine umgebung zu schaffen, die den patienten gesunden lässt. muss der mensch erst krank sein, um in den genuss dieser erfahrungen kommen zu können?

demnach kann man mit hilfe von architektur einen heilungsprozess unterstützen oder auch nicht. heilen bedeutet hier im weitesten sinn: in harmonie bringen. so steht einem darüber bescheid wissenden architekten ein wichtiges instrumentarium zur verfügung, um zur heilung des menschen beizutragen.

immerhin ist man im krankenhausbau bereit, die folgenden aspekte in der gestaltung zu berücksichtigen: sichere und intuitive führung, zurückhaltende farbwahl, vertraute materialien, angenehme temperaturen, frische luft, viel tageslicht, ausgefeilte anwendung von kunstlicht, höchstmögliche privatsphäre, die geborgenheit, sicherheit und wohlbefinden erzeugt. aber welches sind die kriterien?  farbtöne sollen vermitteln: zuversicht, vertrauen, sicherheit, offenheit, visuelle anregung, stressabbau, orientierung. aber welche farbtöne für welche menschen usw.? die farblichen akzente sollen, wohldosierte gesetzt werden. aber was ist wohldosiert?

ein bedeutsamer faktor ist der umstand, dass in der heutigen hochtechnisierten welt die belastungsfaktoren für den menschen zunehmen, und zwar exponentiell, nicht stetig und langsam. es ist zwar unbenommen, dass der mensch anpassungsfähig ist, allerdings kann ich mich des eindrucks nicht erwehren, dass die anpassungsqualitäten den belastungsfaktoren nicht gewachsen sind. neue und erweiterte krankheitsbilder, insbesondere die zunahme psychosomatischer krankheiten und gestörte verhaltensweisen, zunehmende gewaltbereitschaft müssen nicht zwangsläufig ihre primäre ursache in der gebauten welt haben, aber zuammenhänge können nicht ausgeschlossen werden.

wir sind noch nicht in der lage, alle auswirkungen von allen erscheinungen dieser erde und schon gar nicht ihre kummulative wirkungen auf den menschen genau zu beschreiben. in unserem alltagsleben machen wir uns so gut wie keine gedanken darüber. wir nehmen es, wie es ist, einzige ausnahme: wenn wir krank werden, vor allem, wenn unser körper nicht mehr so funktioniert, wie wir es von ihm erwarten, dann beginnen wir, uns sorgen zu machen, und beachten plötzlich dinge, denen wir vorher keine aufmerksamkeit zukommen ließen.

und im rahmen des alltäglichen baugeschehens? kümmern wir uns um die wirkungen all jener erscheinungen? die antwort ist: nein. wenn also ein gebäude, das wir als eine sache wahrnehmen, nicht nur ein beliebiges ding ist, sondern formgeprägte energie, auswirkungen auf unser leben und unsere psyche hat, dann hat dies in der konsequenz auch auswirkungen auf unser leben und prägt unser leben mehr als wir zunächst annehmen, weil wir es als normal empfinden.

einer der bekanntesten kritiker gebauter welt, sowohl der städtischen wie auch der dörflichen aber auch der wohnwelt ist alexander mitscherlich, 1908-82, psychoanalytiker. er schreibt in seinem buch ‚die unwirklichkeit unserer städte’: (s. 9),

“unsere städte und unsere wohnungen sind produkte der phantasie wie der phantasielosigkeit, der grosszügigkeit wie des engen eigensinns. da sie aber aus harter materie bestehen, wirken sie auch wie prägestöcke; wir müssen uns anpassen. und das ändert zum teil unser verhalten, unser wesen. es geht um einen im wortsinn fatalen, einen schicksalhaften zirkel: menschen schaffen sich in den städten einen lebensraum, aber auch ein ausdrucksfeld mit tausenden von facetten, doch rückläufig schafft diese stadtgestalt am sozialen charakter der bewohner mit.” und (s. 16) “der mensch wird so, wie die stadt ihn macht, und umgekehrt; mit fortschreitender urbanisierung trifft das auf immer mehr menschen zu.”

deshalb ist es umso notwendiger, dass die harmonisierenden kriterien mehr als bisher anwendung finden. das gilt insbesondere dann, wenn der mensch neue lebensräume betritt. das tut er in dem moment, wenn er z. b. in zukunft, bedingt durch das steigen des meeresspiegels,  zunehmend auf oder über dem wasser leben muss, ganz zu schweigen, wenn er im weltenraum leben möchte oder gar muss. hier hat die nasa bestimmt schon wesentliche erkenntnisse im wirken von materialien, raum und form u. a. auf den menschen, biologisch wie auch psychisch.

die zukunft entwickelt sich aus dem unverstandenem, heißt es. ich finde den ansatz recht gut, weil die zukunft damit nicht festgelegt ist, da es eine fülle von unverstandenem gibt. warum ist zukunft für die architektur überhaupt von bedeutung? ist es nicht ganz gleich, mit welcher art von architektur der mensch in die zukunft geht, hauptsache 4 wände, die schutz bieten, vor den unbilden der natur, wovor uns die eigene haut nicht schützen kann? dann hätte architektur eine reine funktion zu erfüllen, in dem sie gebäude als hüllen beliebiger art erstellt. über diesen punkt ist architektur längst hinaus. architektur sollte aber mehr als nur eine hülle um etwas sein. aber wenn wir gedankenlos mit den hüllen umgehen und sie nur einer kosten-nutzen-analyse unterziehen, ist es dann nicht nur eine gewisse ingenieurmäßige leistungserbringung?

oder brauchen wir architektur, um eine gewisse sinnliche stimmulierung zu erfahren, die dem bloßen auge bietet, was wir wünschen, z. b. spektakuläres. geht es nur darum: hauptsache wirkung, alles andere ist egal?

oder bringt uns eine gewisse architektur über z. b. die sinnliche stimmulierung in eine art meditativen zustand, der uns befähigt anderes zu tun, zu erleben, zu denken? denn eine spezifische art von stimmulation bietet uns nichts anderes, als eine meditation uns auch bieten könnte, nur auf eine andere art und weise.

so wie wir über eine meditative haltung zugangsmechanismen zu uns selbst, und damit zu persönlichen entwicklungsmöglichkeiten bis hin zu gesundungsprozessen gewinnen können, so wäre eine wirkung über eine bestimmte art von architektur auch denkbar. vielleicht kann uns architektur in zustände versetzen, über die unterstützung unserer selbstheilungsprozesse hinausgehen.

vielleicht behindert uns architektur gar in unseren entwicklungen. all die unerforschten nebenwirkungen, die das leben in architektur so mit sich bringt, werden wir vermutlich nicht kennenlernen, allenfalls erahnen können. je weiter wir gedankenlos und blindlings unseren weg gehen, umso unkorrigierbarer wird er. unumkehrbar ist er sowieso schon. wer will auch zurück. es geht zeitlich gesehen auch nur vorwärts. aber richtungskorrekturen sind möglich.

© by norbert beier-xanke

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