Kritikpunkt 5 – Erkenntnisse der Quantenmechanik

Norbert Beier-Xanke Meinung kommentieren

Norbert Beier-Xankein der reihe der kritischen anmerkungen zum aktuellen architekturgeschehen kommen wir hier zum kritikpunkt 5. er wurde in der übersicht im newsletter februar 2016 wie folgt formuliert:
5. die erkenntnisse der quantenmechanik haben unser weltbild verändert. sie sind noch nicht bis in das architekturgeschehen vorgedrungen. es sollte dargelegt werden, welche auswirkungen diese auf die architektur haben.

es sind die wissenschaftler, die den wechsel eingeleitet haben, nicht die esoteriker, nicht die träumer, nicht die spinner. es sind primär die physiker. die wissenschaft des 20. jahrhunderts stellte fest, daß das kartesianische (theorie nach descartes), materialistische weltbild völlig unzureichend ist, die welt hinreichend genau erklären zu können.

die wichtigsten merkmale des sich entwickelnden geistes sind gerichtetheit (im sinne von tendenz), perspektive, dualität und ich-bewusstsein. der mensch lebt im raum-zeit-gefüge und macht sich vorstellungen und gedanken. er konstruiert eine welt im gefüge von vergangenheit-gegenwart-zukunft. kausalität bestimmt sein leben. die dualität zwischen subjekt und objekt bzw. von geist und materie ist wesentliches merkmal der rationalen phase des menschen. dieses konzept wird von der quantenphysik widerlegt.

ich möchte fritjof capra, geb. 1939, österreichischer physiker, systemtheoretiker und philosoph, bemühen, weil er als einer der wenigen es vermochte, die quintessenz der quantenphysik trotz aller unmöglichkeiten einem normalsterblichen nahezubringen. capra schreibt in seinem buch wendezeit  (1982 erschienen): “die neuen vorstellungen der physik haben unser weltbild tiefgreifend verändert – von der mechanistischen vorstellungswelt eines descartes und newton zu einer ganzheitlichen und ökologischen sicht, einer anschauungsweise, die ich als den anschauungen der mystiker aller zeitalter ähnlich erkannt habe.für die chinesischen philosophen war die wirklichkeit, deren innerstes wesen sie tao nannten, ein prozess des kontinuierlichen fliessens und wandels … von natur aus dynamisch.”

genau diese gerichtetheit im planungsprozess (jederzeit zu wissen, was sache ist, vom kleinsten kostenfaktor bis zu den folgen) die von ihm eingefordert wird, diese dualität (hier der architekt als macher, dort das umfeld, das er gestaltet, verändert, umbricht, zerbricht nach seinem willen),  eingeengt in einen möglichst kurzen zeitrahmen zwischen vergangenheit und zukunft (den genuss des hier und heute gibt es nicht), das ist das leben, das ist es was kosmos ausmacht. wir aber haben uns eine welt nach eigenem rationalen maßstab gezimmert.

 

und weiter:

okösysteme existieren dadurch, dass sie sich in einem dynamischen gleichgewicht halten, welches auf zyklen und kontinuierlichen schwankungen beruht, also auf nichtlinearen prozessen…

das aufkommen der newtonschen naturwissenschaft machte schliesslich die natur zu einem mechanischen system, das manipuliert und ausgebeutet werden konnte…. ökologisches bewusstsein wird also nur entstehen, wenn wir unser rationales wissen mit intuition für das nichtlineare wesen unserer umwelt verbinden. eine solche intuitive weisheit ist charakteristisch  für traditionelle kulturen, insbesondere für amerikanische indianerkulturen.”

“das rationale und das intuitive sind komplementäre formen der funktion des menschlichen gehirns. rationales denken ist linear, fokussiert, analytisch… rationales denken tendiert zur zersplitterung. intuitives wissen dagegen beruht auf unmittelbarer, nichtintellektueller erfahrung der wirklichkeit. es ist ganzheitlich oder holistisch, nichtlinear und strebt nach synthese.”

“in einem gesunden system – einem individuum, einer gesellschaft oder einem ökosystem – halten sich integration und selbstbehauptung im gleichgewicht. dieses gleichgewicht ist nicht statisch, sondern besteht aus einem dynamischen wechselspiel zwischen den beiden komplementären tendenzen, was das gesamte system flexibel und offen hält für den wandel.”

“die moderne physik kann zeigen, dass ein solches weltbild nicht nur wissenschaftlich ist, sondern in übereinstimmung steht mit den fortgeschrittensten wissenschaftlichen theorien über die physikalische wirklichkeit.”

es ist heute noch so, dass in unserer gesellschaft rationale erkenntnis mehr als intuitive weisheit gilt und ständig höher bewertet wird. das heißt im übertragenen sinn letztlich z. b.: konkurrenz mehr als kooperation, ausbeutung mehr als bewahrung usw. und daran hat sich trotz aller ökologie in den betriebssystemen der meisten firmen bis heute nichts geändert. unsere gegenwärtige ökologe wird betriebsgerecht verramscht. dem wettbewerbssystem in der architektur ist der kooperationsgedanke noch nie inne gelegen. und alle “offiziellen” architekturstimmen halten das wettbewerbssystem immer noch hoch. und jede nachverdichtung eines gewonnenen städtebaulichen wettbewerbs ist nichts anderes als eine ausbeutung natürlicher gegebenheiten sowie auch der späteren sozialen strukturen, die sich einfach nicht optimal entwickeln können. ich weiß: der kommerzielle druck ist da. aber wir erzeugen ihn selbst, niemand anderer.

also insofern kann hier keine kritik an der quantenphysik aufkommen, allenfalls über die auswirkungen der tradierten weltanschauungen bis hin zu den alltagserscheinungen, die sich uns in form von architektur zeigen.

lewis mumford,  us-amerikanischer historiker, philosoph, soziologe und architekturkritiker, 1895 – 1990, in deutschland bekannt durch seine schriften geschichte der stadt und der technik, meint dazu, dass es in der geschichte der westlichen zivilisation kaum ein halbes dutzend solcher übergangsphasen gegeben habe. als beispiele nennt er die erfindung der landwirtschaft, den aufstieg des christentums, den niedergang des römischen reiches und den übergang vom mittelalter zum wissenschaftlichen zeitalter. anzunehmen sei, dass umwälzungen zum heutigen zeitpunkt dramatischer ablaufen könnten als alle vergangenen, weil durch die gegebene technisierung und globalisierung das tempo schneller und die änderungen umfassender ausfallen würden. wir müssten uns darüber bewusst werden, dass solch ein tiefgreifender wandel unserer abendländischen kultur, die tief in unserer mentalität eingegraben ist, auch eine ebenso umfassende änderung in den meisten gesellschaftlichen beziehungen und formen der gesellschaftlichen organisation hervorrufen müsse.

hans-peter dürr, 1929-2104, deutscher physiker, essayist, direktor des max-planck-instituts für physik in münchen, sagt dazu: “in der potenzialität gibt es keine eindeutigen ursache/wirkung-beziehungen. die zukunft ist wesentlich offener. es lassen sich nur noch wahrscheinlichkeiten angeben… in jedem augenblick wird die welt neu geschaffen, jedoch im erwartungsfeld der ständig abtretenden welt. dies ist auch der grund, warum uns die zukunft verschlossen bleibt: sie wird uns nicht vorenthalten, sondern sie existiert gar nicht. die alte potenzialität in ihrer ganzheit gebiert die neue und prägt neue realisierungen, ohne sie jedoch eindeutig festzulegen. in diesem andauernden schöpfungsprozess wird ständig ganz neues, noch-nie-dagewesenes geschaffen.

 

konsequenzen des neuen weltbildes

was bedeutet das im einzelnen für uns und die architektur? jedem weltbild liegen bestimmte systemstrukturen und in bezug auf ggf. nicht erreichbare ziele entsprechende systemimmanente fehler zugrunde, weshalb der mensch – solange er sich innerhalb seiner scheinbar bewährten ordnungsstrukturen bewegt – nichts an diesem kreislauf ändern kann, sofern er nicht kraft seines denkens oder erkennens aus dieser pferdekoppel ausbricht. erst ein gewisser abstand zu oder ausbrechen aus diesen strukturen, was in der regel ein erhöhtes bewusstsein und eine erhöhte aufmerksamkeit sowie eine erhöhte eigenverantwortlichkeit  bedingt, führt zu ansätzen, die zu einer lösung führen können, die ihn zuvor in seinem leben im alten weltbild verwehrt zu sein schienen.

was nun dürr feststellt und in gewisser weise bemängelt, ist folgendes: “erstaunlich ist, dass dieser tiefgreifende wandel in unserem verständnis der wirklichkeit auch heute noch, über 100 jahre nach den (ersten) paradoxen erkenntnissen von max planck und albert einstein und tiefgreifenden neuerungen 25 jahre später durch niels bohr und werner heisenberg in unserer gesellschaft und ihren wissenschaften kaum philosophisch und erkenntnistheoretisch nachvollzogen worden ist… (insofern unverständlich) da sie die ungeahnten technischen entwicklungen angestossen hat – zum guten wie schlechten. so wäre die moderne chemie, die atomkerntechnik und die modernen informationstechnologien ohne die neuen einsichten nicht möglich gewesen.”

es scheint so, als hätte es in der geschichte der industrialisierten welt einen quantensprung gegeben, nämlich von der welt der physiker direkt in die moderne technikwelt, ohne dabei die menschen mitzunehmen. nun ist die frage, ob das nachholenswert wäre? denn wie es scheint, kommen die meisten menschen mit den neuerungen der technik klar, sofern es die segenreichen seiten sind. bei der atomkraft scheiden sich die geister bereits ganz offensichtlich. bei der chemischen industrie bekommen einige bereits das kalte grauen und bei den informationstechnologien erkennt man so langsam, welche macht in ihnen steckt und welche gefahren damit verbunden sein können.

ich meine, allein damit die mehrheit der menschen, die nicht von wenigen überfordert oder überfahren werden kann. für diese ist es notwendig sich das kraftpotenzial dieses neuen wissens anzueignen. als einer der nächsten schritte in der geschichte wäre es demnach sinnvoll, diese quantenphysikalischen erkenntnisse in die allgemeine praxis umzusetzen und sie mit den weiteren modern-geistigen erkenntnissen – u. a. z. b. wie das gehirn und das bewusstsein des menschen funktionieren – der menschheit anzureichern. dazu wäre die architektur als übungsfeld hervoragend geeignet, denn nichts reflektiert mehr das bewusstsein des menschen als die architektur bei gleichzeitiger einflussnahme auf uns.

das im folgenden dargestellte welt- und menschenbild ist im einklang mit dem weltbild der modernen wissenschaften und ergänzt diese um die nichtmaterielle, die geistige dimension, was im wesentlichen auch den quantenphysikalischen erkenntnissen entspricht.

  • die materielle welt ist die manifestation der geistigen welt. beide entsprechen einander.
  • die information über das ganze ist in jedem punkt der schöpfung enthalten.
  • alles leben auf der erde ist gleichwertig.
  • der mensch ist eine einheit aus körper, geist und seele.
  • der mensch lebt im spannungsfeld zwischen geistigen und materiellen dimensionen.
  • der mensch ist geschöpf und unbewusst oder bewusst mitschöpfer.
  • der mensch begegnet sich in der äußeren welt wie in einem spiegel seiner eigenen sichtweisen und relativen wahrheiten.
  • der mensch erschafft sich seine lebenswirklichkeit und damit seine lebensumstände durch gedanken, worte und taten.

die wirkung der inneren einstellung:

  • der mensch gestaltet sich und seine persönliche und globale umwelt zu allererst durch seine gedanken.
  • durch verstärken der gedanken der liebe und der einheit und durch eleminieren der gedanken der angst und trennung erhöhen wir unsere präsenz im wirkungsfeld.
  • durch visualisieren als geistige und gefühlte vorwegnahme des gewünschten ergebnisses verstärken wir die energie, die manifestiert.

wenn wir behaupten, das architektur ein spiegel der gesellschaft ist, so wie das äussere eines menschen der spiegel seiner inneren haltung ist, dann erhalten diese behauptungen eine neue dynamik, weil eine vernetzung nicht mehr geleugnet werden kann. es ist allein die frage, wie diese vernetzungen arbeiten?

eine der wichtigsten punkte erscheint mir, das erkennen, dass alle lebenswichtigen prozesse dynamisch sind und in der umsetzung in den alltag, so auch in der architektur dynamisch sein müssen, wenn sie langfristig von erfolg beschieden sein wollen. diese dynamik eines auf und ab eines vor und zurück ist in unserer welt nicht gewünscht, weil sei linear gedacht wird, weil jedes scheinbare “ab” und “zurück” als negativ gewertet wird. wer es einmal zugibt, wird als verlierer gewertet, gewinner dürfen es niemals zugeben.

dabei wissen wir aus der psychologie, dass sogenannte fehler erst veränderungen und gar verbesserungen ermöglichen. eine kaufmannsweisheit besagt, dass der erfolgreiche kaufmann im gegensatz zum erfolglosen mehr misserfolge hinter sich hat, sonst wäre er nicht wirklich erfolgreich. dazu gehört aber ein gewisses verständnis darüber, was als erfolg zu werten ist. leider wertet unsere gesellschaft nur allzugern den kurzfristig wirtschaftlichen erfolg als erfolg. allzuoft entpuppen sich hochgepriesene wirtschaftsleute, die ihre gerichtetheit in der dualität des marktes – hier das machersubjekt und dort das gewinnbringend gehandelte objekt, die ihre grandiose perspektive mit einem selbstüberschätzten ich-bewusstsein vermarktet haben, letztlich als blindgänger. und in der architektur? gibt es da schuldige? nein, wir machen das spiel doch nur mit. wenn wir es nicht mitmachen würden, wo blieben wir denn dann?

wohnmaschinen, die als familiengerecht verkauft werden. türme, die als ökologisch nachhaltig manifestiert werden. städtbau, der als sozial gepriesen wird. baustoffe, die als gesund vermarktet werden. wettbewerbe, die als ideenpool angepriesen werden. smart homes, die als das genialste verkauft werden.

so wie das teilchen, dessen geschwindigkeit sich nicht messen lässt, kennt man seinen ort, oder umgekehrt, dessen ort sich nicht bestimmen lässt, kennt man seine geschwindigeit, so erscheinen mir letztlich die letzten anstrengungen der normierungen, die als unumgänglich gelten, aber am ende in ihrer pingeligkeit irgendwann zu unauflösbaren widersprüchen am bau führen müssen. irgendwann wird man nur noch im schnittpunkt aller normen planen können. das wäre dann die umsetzung eines ingenieurmäßigen wissens von tausend faktoren. deshalb brauchen wir am ende keine architekten mehr. architekten, wacht auf, die quantenpyshik spricht für uns, für eine lebendige, dynamische, wirklich ökologische architektur.

die natur zwingt uns immer wieder einen prozess des kontinuierlichen fließens und wandelns auf, wenn wir uns wegen des linearen handelns und zu weit vom pfad entfernt haben sollten. warum also nicht gleich eine dynamik akzeptieren und entsprechend handeln. leider lässt das gängige marktsystem dies nicht zu, es sei denn man ließe sich gefallen, als verlierer zu gelten. die kunst besteht darin, sich auf die verliererseite zu begeben, ohne dass es anderen auffällt. erst wenn dieser schritt getan ist, kann man persönlich die vorzüge von dynamischen prozessen erkennen. solche schritte sind gute wandler von dis-stress in einen eu-stress. letzterer ist die gesunde variante.

kleiner hinweis am ende: matriarchale strukturen entsprechen z. b. den erkenntnissen der quantenphysik, patriarchale hingegen nicht, zumindest weniger. siehe auch meinen artikel im newsletter märz 2016: baugeschehen – ausgeburt patriarchalen verhaltens.

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