kritikpunkt 7 – leben in gebäuden und schleichend einsetzende krankheite

Norbert Beier-Xanke Meinung kommentieren

Norbert Beier-Xanke

in der reihe der kritischen anmerkungen zum aktuellen architekturgeschehen kommen wir hier zum letzten und 7. kritikpunkt. er wurde in der übersicht im newsletter februar 2016 wie folgt formuliert:

7: das leben in unseren gebäuden führt auf die dauer zu schleichend einsetzenden krankheiten. diese krankheiten zeigen körperliche und psychische symptome. es sollten die zusammenhänge dargelegt werden, und was dies für die zukunft des menschen bedeuten könnte.

es ist ein ungeliebtes thema, da die ursachen und zusammenhänge letztlich noch ungeklärt sind. gerade deshalb ist und bleibt es ein spannendes thema. die fachwelt beschäftigt sich recht wenig damit, weil ein jeder sich nicht originär zuständig fühlt. die schulmedizin betrachtet es im wesentlichen als psychosomatisches problem und die psychologen und therapeuten wissen oft auch nicht weiter. am ende bleibt es dem planenden und bauleitenden architekten überlassen, damit klarzukommen, sofern es überhaupt seine aufgabe ist. dennoch – meine ich – hat es viel mit architektur zu tun. darüber hinaus verschärft sich die problematik eher, als dass sie abnehmen würde.

gehen wir einmal zum aushangspunkt zurück. 3 faktoren spielen eine rolle:

  1. die menschen, die sich in räumen aufhalten,
  2. die materialien, aus denen gebäude gebaut sind und
  3. die luft, die von menschen eingeatmet wird.

der mensch verbringt heute in den industrienationen 90% seiner zeit in räumen, im gegensatz zu früher. die veränderung seiner lebensumstände hat sich erst in den letzten beiden jahrhunderten aus den verschiedensten gründen so ergeben. das bedeutet im wesentlichen folgendes: der mensch entzog sich der direkten sonneneinstrahlung und den direkten witterungseinflüssen, was mit sicherheit die ersten auswirkungen auf seinen gesundheitszustand hatte, ohne dass dieser zusammenhang sofort offfensichtlich wurde. der mensch umgab sich stattdessen direkt mit baumaterialien, die gewisse auswirkungen hatten und haben. die luft schien zunächst einmal die gleiche im innenraum wie im aussenraum zu sein.

da die baustoffe für räume zunächst einmal aus mehr oder weniger natürlichen materialien bestanden, haben sich auch wenig direkte folgeerscheinungen gezeigt, mit ausnahme der  feuchtgkeit in nunmehr zunehmend massiv gebauten räumen (stichwort trockenwohnen) im gegensatz z.b. zur überkommenen holzfachwerkbauweise.

feuchte räume gehören heute im wesentlichen der vergangenheit an, jedoch der faktor sonne fehlt immer noch und hat mit sicherheit einen entscheidenden einfluss auf die befindlichkeit des menschen. heutzutage findet diese frage des aufenthalts im freien kaum noch berücksichtigung, mit einigen ausnahmen: es gibt vereinzelt architekten, die den aufenthalt im freien als teil eines wohnkonzepts sehen. deshalb sind gärten mit entsprechender gestaltung und balkone von bedeutung. leider sind die meisten balkone heute kaum zu einem wirklichen aufenthalt geeignet.

der baustoff hatte sich in den letzten jahrzehnten immer mehr zu einem giftstoff entwickelt, was heutzutage zwar erkannt ist und eingeschränkt werden konnte, jedoch innerhalb sogenannter gesundheitsunbedenklicher grenzwertbereiche immer noch sein unwesen treibt.

die atemluft ist ein kostbares gut, welches in der vergangenheit innerhalb von räumen beliebig erneuert werden konnte, indem man die fenster öffnete und lüftete. lassen wir einmal die umweltproblematik der aussenluft beiseite, so verschärft sich dieses problem zusehens mit der wegen der energieeinsparung bedingten abschottung beim bauen von der noch relativ guten aussenluft. wegen der verordneten verschärfung der energiekonzeptionen und der damit verbundenen luftdichtheit von gebäuden verschärft sich ebenfalls die gesundheitsproblematik bis zur unlösbarkeit.

technische lösungen werden anvisiert, indem kontrollierte be- und entlüftungen einbaut, werden müssen. somit wird der lebensstoff atemluft zu einem technisch bearbeiteten stoff, der durch ihn berührende materialien beeinflusst, verändert und letztlich verseucht wird. es sei denn die materialien wären unbedenklich, was sie innerhalb bestimmter grenzwerte zwar sind, letztlich aber doch nicht.

nun ist im grunde genommen der punkt ausreichend beschrieben, warum es das phänomen des sick-building syndroms gibt, welches dem menschen als erstes in den klimatisierten räumen begegnete. diese klimatisierten räume sind allerdings nur die spitze des eisbergs. wie meine kurze darstellung der geschichtlichen entwicklung zeigt, geht es um mehrere faktoren. ich möchte hier das bild des überlaufenden fasses mit der fragestellung anbringen: ist der zuletzt zugefügte tropfen die ursache für das überlaufen des fasses oder sind es die millionen tropfen im fass, die es nicht zulassen, das noch ein weiterer hinzugefügt werden kann. die ursachenforschung, die in der regel betrieben wird, beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem letzten tropfen, in dem sie verständlicherweise nicht den schuldigen festmachen können.

dieser sachverhalt macht es so schwer, das problem zu beseitigen. man doktert am zuletzt sichtbarem phänomen herum, ohne je die chance zu haben, das problem grundsätzlich zu beseitigen. wir wissen aus der biologie und der psychologie, wie stark der mensch ursprünglichen regelstrukturen unterliegt, ohne sich diesen willentlich entziehen zu können. wenn eine anpassung der menschheit in der evolution möglich war, dann dauerte es bislang tausende von jahren. mit einem guten glauben und bester hoffnung können wir heute von jahrhunderten ausgehen. allerdings müssen wir feststellen, dass sich die umwelt (verursacht vom menschen) schneller verändert als eine anpassungsfähigkeit des menschen es zu kompensieren vermag und somit geht es zulasten des menschen.

hilfsmassnahmen wie das säubern der luft oder das ansiedeln von speziellen pflanzen führen lediglich dazu, dass mensch geneigt ist, die belastungsgrenzen zu belassen wenn nicht gar zu erhöhen. das problem lässt sich ausschliesslich mittels einer wirklich verantwortlich nachhaltigen ökologischen bau- und lebensweise lösen. cradle-to-cradle systeme sind ein begrifflicher rahmen für eine neue strukturierung menschlicher tätigkeit in beziehung zu seiner umwelt. und technischer metabolismus ein weiterer begrifflicher rahmen für ein modell von industriesystemen, die wertvolle materialien in geschlossenen produktionskreisläufen zirkulieren lassen, ohne schäden anzurichten.

die einführung und umsetzung dergleichen ist allein von einer moralischen einstellung des menschen abhängig: dafür oder dagegen! jedoch ohne scheinheiligkeiten! wie unstrittig bekannt ist, gibt es keine objektiv neutrale moral. eine moral ist letztlich immer interessensgesteuert. nun bleibt die frage an jeden menschen, welche und wessen interessen er vertritt!?

es bleibt noch, die frage zu beantworten, was dies für die zukunft des menschen bedeuten könnte? kurze antwort: alles oder nichts! jeder noch so kleine schritt eines menschen, muss hinterfragt werden: dafür oder dagegen? und: wofür und wogegen?

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